LESERUNDE | „Der Nachtwandler“ von Sebastian Fitzek | Teil 3

Ihr könnt sicher schon erraten was heute kommt: Meine Meinung zum dritten Abschnitt (Kapitel 22 bis einschließlich Kapitel 32) der Leserunde zu „Der Nachtwandler“ von Sebastian Fitzek. Falls ihr euch noch mal meine Beiträge zu Teil 1 und Teil 2 durchlesen wollt, dann macht das noch fix, denn es geht nun direkt los. Auch hier gilt wieder: Achtung, SPOILER!

Mein Start in den Abschnitt

Am Ende des zweiten Abschnittes hatte ich die Vermutung aufgestellt, dass der Architekt Albert von Boyten sowie sein Sohn Siegfried noch eine große Rolle spielen werden. Zudem war ich der Überzeugung, dass Leon entgegen Ivana Helsings Rat nicht ausziehen würde aus dem Haus.

Der Inhalt

Leon kommt aus Frau Helsings Wohnung und geht nach oben – wo er von Kriminalpolizist Kroeger in Empfang genommen wird. Dieser bringt Leon sein Handy, welches bei einem Gewaltverbrechen gefunden wurde und zeigt ihm einige Bilder, die dort gespeichert sind. Darauf sieht man Natalie in eindeutig sexuellen Posen, ihr Gesicht ist jedoch von Angst gezeichnet. Das Schlimmste an den Aufnahmen ist aber, dass Leon sie nicht kennt.
Leon bekommt nun doch Panik und ruft in der Not seinen besten Freund und Arbeitskollegen Sven an, dieser ist jedoch nicht zu erreichen. Da Natalies Handy während des Besuchs geklingelt hatte drückt Leon nun aus Neugierde auf Rückruf – und erreicht Dr. Volwarth. Der wusste nicht, dass Natalie und Leon verheiratet sind und kann Leon nicht mehr helfen, da Natalie seine gegenwärtige Patientin ist. Bevor der Psychiater das Gespräch beendet, gibt er Leon noch einen versteckten Hinweis, indem er den defekten Kamin erwähnt, den er nicht kennen kann.
Als Leon dem Hinweis nachgeht, entdeckt er Natalies Tagebuch. In der Hoffnung, er würde eine Ahnung bekommen, wo Natalie hin ist, liest Leon das Tagebuch – doch die Einträge missfallen ihm sehr. Er erfährt, dass Natalie keine Fehlgeburt erlitt, sondern dass sie eine Abtreibung vornehmen ließ.  Der letzte Eintrag im Tagebuch lautet: „Ich habe Angst. Er tut mir so weh. Das war alles ein schrecklicher Fehler. Ich muss ihn verlassen.“ (Seite 210). Diese kurzen Sätze lassen Leon verzweifeln.
Sven erreicht ihn und Leon erzählt ihm eine Kurzfassung des Erlebten, denn er will seinen besten Freund nicht direkt verschrecken. Er bittet Sven sofort vorbei zu kommen, doch der sitzt noch auf einer Party 400km von Leon entfernt fest. Bei diesem Telefonat erfährt Leon, dass er Sven etwas von einer Karte erzählt hat, die Natalie ihm hinterlassen hat, doch das weiß er nicht mehr. Er erzählt Sven von dem Tagebuch und pfeffert es wütend in die Ecke. Dabei fällt ein Foto von einer Tür hinaus, die unten im Labyrinth steht.
Nach dem Telefonat steigt Leon wieder hinab in das Labyrinth, diesmal aber mit einer Stabtaschenlampe und einem Brecheisen ausgestattet. Zudem dokumentiert er diese Unternehmung mit Hilfe der Kopfkamera. Plötzlich hört er Hilferufe seiner Frau, kann aber nicht heraus filtern, woher sie kommen. Dann hört er noch zwei weitere Stimmen, eine männliche und eine weibliche. Leon dreht sich verwirrt um sich, denn er kann sich nicht orientieren. Dann wird er geblendet und neben ihm steht eine weinende Frau – seine Nachbarin Frau Falconi aus dem ersten Stock. Vor lauter Schreck schlägt Leon mit dem Brecheisen zu und muss feststellen, dass seine Nachbarin nicht direkt neben ihm steht. Sie werden getrennt durch einen Venezianischen Spiegel. Er kann alles beobachten, doch Frau Falconi denkt, sie guckt in einen normalen Spiegel.
Wieder in seinem Badezimmer angekommen versucht Leon auch seinen Spiegel zu zerschlagen und bemerkt dabei, dass sein Spiegel kein Venezianischer Spiegel ist. Im Labyrinth unten hatte er noch versucht, die Tür zu öffnen und war kläglich gescheitert. Doch dann hatte er darüber nachgedacht, dass er diese Tür ja auch im Schlaf öffnen kann, sodass er sich noch mal in Ruhe dran begab und durch Drehen des ACHTUNG!-Schildes öffnete sich ein Sicherheitsschloss. In das Schloss passte sein Haustürschlüssel, doch die Tür sprang nicht auf. Stattdessen öffnete sich ein Eingabefeld. Auf der Innenseite stand nur ein kleiner Hinweis: „Die Violine ist der Schlüssel!„.
Als er wieder oben in seiner Wohnung angelangt war und Hilfe rufen wollte, war die Telefonleitung tot. Um Hilfe holen zu können, wollte Leon zu Frau Helsing gehen. Doch der Schlüssel für die verschlossene Wohnungstür steckte noch unten in der Labyrinth-Tür. Er nahm nun einige Koffeintabletten, um wach bleiben zu können, und ging dann ein drittes Mal hinunter.
Plötzlich wacht Leon auf und ist froh, dass all das Geschehene nur ein Traum war. Erleichtert erzählt er all das seiner Frau, die ihm auch antwortete. Doch ihre Stimme kam aus der Wand hinter dem Schrank. Als Leon schnell den Schrank wegschiebt, sieht er jedoch statt der Tresortür ein frisch zugemauertes Loch in der Wand. Er nimmt das Brecheisen und will zwischen die Steine und plötzlich brechen sie auseinander. Eine Wasserfontäne kommt auf Leon zu und er wacht in seiner Badewanne liegend auf.
Nicht nur, dass er vollständig bekleidet in der Wanne liegt, nein, neben ihm liegt tatsächlich eine getötete Katze: Alba, die Katze seiner Nachbarin Ivana Helsing. Während er noch im Badezimmer steht bemerkt er das Klopfen und Klingeln an der Tür. Als Leon sie öffnet, steht Sven vor ihm. Dieser denkt bei Leons Erscheinung, dass dieser vom Burnout geplagt ist, da sie beiden in einer entscheidenden Wettkampfsituation und daher sehr unter Druck stehen. Nun will Leon seinem besten Freund die Tür zum Labyrinth zeigen, jedoch lässt sich der Schrank keinen Millimeter bewegen. Als Sven dann ins Badezimmer geht, um die Toilette zu benutzen, reicht es diesem. Er ist angeekelt und verschwindet schnellst möglich aus Leons Wohnung. Dieser holt sich das Telefon, um den Kriminalpolizisten zu erreichen, legt dann aber doch auf und guckt sich die letzten Aufnahmen der Stirnkamera an.
Auf den Aufnahmen ist ein weiterer Zugang zu sehen, welcher von seinem Badezimmer aus direkt in ein Zimmer von Herrn Tareski führt. Eilig klettert Leon Nader hinauf und findet seinen Nachbarn reglos vor dem Klavier liegen, denn er hat ihn in der letzten Schlafphase eigenhändig mit seinem Schnürsenkel die Luft abgeschnitten. Doch als Leon dem Apotheker die Schnur durchschneiden will und ihm dabei aus Versehen in den Hals schneidet, bemerkt er eine Reaktion, sodass er sofort mit den Wiederbelebungsversuchen beginnt. Während Herr Tareski nach Luft schnappt fängt sein Klavier wieder an zu spielen, jedoch absichtlich falsch, sodass jeder denken könnte, der Apotheker übe wieder einmal seine Tonleitern. Als Leon sich das Notenblatt genauer anschaut, fällt ihm ein, wie er die Geheimtür öffnen kann.
Durch diese Entdeckung motiviert will Leon wieder in das Labyrinth hinab steigen, kann jedoch seinen eigenen Zugang nicht benutzen. Also geht er zu Frau Helsing, die ihm auch sofort öffnet. Leon erfindet eine Lüge, dass er sein Bad nicht benutzen kann, da die Arbeiter im Flur aus Versehen seine Wasserleitung gekappt haben. Er müsse aber dringend mal die Toilette aufsuchen. Seine alte Nachbarin lässt ihn also doch in ihr Badezimmer; auf dem Weg dorthin trifft er auf Alba, die Katze, die vorher augenscheinlich tot mit ihm in der Badewanne lag.

Meine Meinung

Herr Fitzek weiß genau, wie er die Spannung aufrecht erhalten kann. Direkt am Anfang des 22. Kapitels wird man mit dem Auftreten des Kriminalpolizisten Kroeger überrascht. Im Laufe des Gesprächs der beiden habe ich mir die Frage gestellt, wieso Leons Handy bei einem Gewaltverbrechen gefunden wurde und was das für ein Verbrechen war. Doch anscheinend stellt sich der Protagonist diese Frage nicht. Als es um die Bilder ging, lief mir schon ein kleiner Schauer über den Rücken.  Als Leon dann überraschend Dr. Volwarth anruft, war meine Neugier sehr groß, weshalb Natalie Nader bei ihm in Behandlung war beziehungsweise ist. Durch die Entdeckung von ihrem Tagebuch wird das Interesse an ihrer Person noch weiter geweckt. Doch wieder einmal kam mir eine Frage in den Sinn: Wieso erzählt sie, sie hätte eine Fehlgeburt erlitten, wenn sie doch ihr Kind abgetrieben hat? Fürchtet sie sich vor den Reaktionen?
Im Laufe des Abschnittes kam immer wieder die Frage auf, was denn nur wahr ist und was Traum. Bei dem Telefonat mit Sven vermutet dieser, dass Natalie nur ein Spiel gespielt hat mit Leon, sodass man sich fragt, wie Natalie wirklich ist.  Durch das Auftauchen von Herrn und Frau Falconi „im Labyrinth“ und die Entdeckung des Venezianischen Spiegels, blieb der leichte Gruselfaktor des Buches bestehen.  Bei den immer weiteren Entdeckungen unten im Labyrinth interessierte es mich immer mehr, ob Leon Nader diese Zwischenwelt erschaffen hat, oder ob Albert von Boyten, der Architekt des Hauses, oder vielleicht auch sein Sohn der Erbauer ist.  Als der Venezianische Spiegel auftauchte, machte auf jeden Fall Frau Helsings Bemerkung Sinn, dass das Haus sie beobachtet.  Als Leon unten die Rufe seiner Frau hörte, war ich mir nicht sicher, ob Natalie in dem Moment wirklich auch im Labyrinth ist oder ob das nur eine Aufnahme ihrer Schreie ist. Vielleicht waren es aber auch nur Leons Gedanken und Leons Furcht, die sich in dieser Stresssituation selbstständig gemacht haben.  Dadurch, dass Sebastian Fitzek einen allwissenden Erzähler einsetzt, wird der Psychothriller umso spannender und gruseliger.

Und hier, am tiefsten Punkt seiner Verzweiflung, nicht ahnend, dass nicht einmal die Hälfte aller noch kommenden Alpträume überstanden waren, stellte er die alles entscheidende Überlegung an:Gesetzt den Fall, ich habe ein zweites, nachtaktives Ich. Und gesetzt den Fall, ich habe mir in meinem zweiten Bewusstseinszustand eine Parallelwelt aufgebaut – dann darf der Zutritt zu dieser Welt nicht sehr kompliziert sein. Sonst könnte ich ihn im Schlaf nicht meistern!– Seite 256, „Der Nachtwandler“, Sebastian Fitzek

Die kleinen Tipps, die Leon sich selbst immer gibt, machten mich etwas stutzig, da er doch anscheinend nachts den Weg ohnehin ohne Probleme meistern kann. Wieso sich also überall kleine Eselsbrücken vermerken?  Dieser Zwischenfall in Kapitel 29, dass es erst den Anschein hat, als wären all diese Entdeckungen nur ein Traum gewesen, lassen Verwirrung im Leser aufkeimen, da man einfach nicht mehr weiß (oder auch wissen kann?) was Traum ist und was Wirklichkeit – und was Leon passiert, während er in dem dritten Stadium gefangen ist. Als Leser fragt man sich auch, weshalb die Tür plötzlich zugemauert ist und ob Natalie in der Situation wirklich hinter der Wand steht. Vor allem weiß man nicht, wie viel Natalie genau weiß, denn schließlich weiß sie alles, was Leon unten im Labyrinth getan hat.  Durch so kleine Zwischenfälle wie das Auftauchen der toten Katze in Leons Wanne, die hin und wieder funktionierende Türklingel und die Telefonleitung, die mal tot ist und dann wieder nicht, fragt man sich, was genau dort in dem Haus vor sich geht und welche Dinge man alles noch nicht durchschaut hat. Der Zweifel im Leser wird dadurch aber definitiv genährt und man möchte unbedingt wissen, was die Auflösung dieses Psychothrillers ist.
Meine misshandelte Frau ist vor mir geflohen, ich kann nicht mehr zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheiden, wache mit einer toten Katze in der Badewanne wieder auf – und mache mir Gedanken um meine Türklingel? – Seite 270, „Der Nachtwandler“, Sebastian Fitzek
Beim Lesen dieser Gedankengänge musste ich unweigerlich mit dem Kopf nicken, denn während des Lesens ist mir immer wieder eines aufgefallen: Der Protagonist Leon macht sich über die unmöglichsten Dinge Gedanken, aber nicht über das, was wichtig erscheint und auffallend ist. Auch Svens Besuch wirft  mehr Fragen auf, als das welche geklärt werden. Hier einige dieser Fragen, die mir durch den Kopf gingen: Wieso lässt sich der Schrank nicht mehr bewegen? Was genau denkt Sven? Weshalb hat Leon vergessen, dass sein bester Freund das Modell abgeholt hat? Was hat Leon noch alles nicht mitbekommen? Warum funktioniert das Telefon wieder? 
Die Szene mit Herrn Tareski fand ich beim Lesen sehr unheimlich, da man die ganze Zeit erst denkt, Leon würde seine Frau „NUR“ auf perverse Art foltern (Bitte versteht dieses nur jetzt nicht falsch! Folter ist schon schlimm genug!), doch nun hat es den Anschein, als würde er auch vor Mord nicht zurückschrecken. Als Leon dann noch feststellt, dass das Klavier programmiert ist, bin ich vollends von dieser Szene verwirrt. Denn wenn die Tür dazu da ist, irgendwie unten die Tür zu öffnen, was ist dann die Rolle von Herrn Tareski in dieser bizarren Szenerie? Denn schließlich müsste ihm ja auffallen, dass sein Klavier verkabelt ist und von alleine spielt. Was weiß er?  Auch die plötzliche Auferstehung von Alba ist mehr als merkwürdig. Da stellte sich mir wieder einmal die Frage, ob Leon das eine träumte und das andere wirklich erlebt oder ob die Katze in seiner Wanne vielleicht auch nur genau so aussah, wie Alba. Doch wie kommt sie in die Wanne?
Wie ihr sehen könnt sind in diesem Teil der Leserunde wieder einmal viele Fragen aufgetaucht. Da ich nun mit dem letzten Abschnitt beginne hoffe ich sehr, dass zumindest die meisten meiner Fragen geklärt werden würden. Lieber wäre es mir natürlich, wenn keine Frage offen bleiben würde, aber das werden wir erst einmal sehen.

3 Replies to “LESERUNDE | „Der Nachtwandler“ von Sebastian Fitzek | Teil 3”

  1. Hi Fraencis!
    Ich bin total gespannt, wie du das Ende dann findest :)
    Viel Spaß noch mit dem letzten Abschnitt!

  2. :D
    Donnerwetter du machst dir aber auch echt viel Mühe, finde ich schön :D

    Ich bin gespannt wie du das Buch insgesamt finden wirst und ob deine Fragen sich aufklären werden ;)

    Liebst, Lotta

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