LESERUNDE | „Der Nachtwandler“ von Sebastian Fitzek | Teil 4

Zu guter Letzt ist es heute Zeit, euch meine Meinung zum vierten und damit letzten Abschnitt (Kapitel 33 bis einschließlich Epilog) der Leserunde zu „Der Nachtwandler“ von Sebastian Fitzek mitzuteilen. Falls ihr euch noch mal meine Beiträge zu Teil 1, Teil 2 und Teil 3 durchlesen wollt, dann geht das einfach mit einem Klick auf den entsprechenden Link oben. Falls ihr die schon kennt, dann geht es jetzt los. Auch hier gilt wieder: Achtung, SPOILER!

Mein Start in den Abschnitt

Den dritten Abschnitt beendete ich mit so vielen Fragen im Kopf, dass ich gar nicht wusste, wo dieser mir stand. In der Hoffnung, dass nun alles geklärt werden wird, startete ich in den finalen Teil unserer Leserunde.
Das 33. Kapitel beginnt mit einem erneuten Abstieg in das Labyrinth, dieses Mal aber von Ivana Helsings Wohnung aus. Mit Hilfe des Notenblattes weiß Leon nun, welchen Code er eingeben muss: es ist eine Tonfolge aus dem Violinschlüssel der Tonleitern, die Herr Tareski tagtäglich übt. Als er endlich die Tür aufstemmen kann, hört er ein Wimmern, welches ihm anzeigt, dass er seine Frau gefunden hat.
Durch einen Vorhang aus milchigen Plastikplanen hindurch gelangt er in einen Raum, welcher genau so eingerichtet ist, wie sein und Natalies Schlafzimmer. Auf dem Doppelbett findet er Natalie in der gleichen Position, die sie auch auf dem Handyfoto eingenommen hat: an das Bett gefesselt und mit einem Halsband zurückgebunden. Doch alle Bemühungen Leons zu ihr durchzudringen fruchten nicht, sie blieb bewusstlos. Auf der Suche nach den passenden Schlüsseln für die Handschellen entdeckt er ein Kamerastativ und zwei Scheinwerfer und Leon hofft inständig, dass diese Sachen nicht ihm gehören. Als er Hilfe holen will bemerkt er, dass die Tür zugefallen ist und er nicht hinaus kommt. Leon kämpft gegen den Schlaf an, als seine Frau versucht mit ihm zu Reden. Unter größter Anstrengung bringt sie schließlich folgenden Satz heraus: „Du irrst dich, es ist alles genau umgekehrt.“ (Seite 318). Die einzige Schlussfolgerung, die ihr Mann daraus ziehen kann, ist, dass er nicht aufwachen darf.
Leon entdeckt also, dass er in einem fast nicht erforschten Bewusstseinszustand gefangen ist, welcher von Dr. Volwarth als drittes Stadium benannt wird – er ist damit weder wach noch am schlafen. Die daraus resultierende Erkenntnis trifft Leon wie ein Schlag: Er verletzt seine Frau nicht im Schlaf, sondern während er wach ist! Da er Koffeintabletten genommen hat wird er bald aufwachen, von daher entscheidet Leon sich dazu, sich selbst mit Handschellen an ein Heizungsrohr zu ketten. Noch bevor er aufwachen kann schreibt er sich ein Wort auf die eine Hand sowie vier Ziffern auf die andere Handfläche und schluckt den Handschellenschlüssel hinunter.
Kurz danach wird Leon von einem Telefonklingeln geweckt und sein bester Freund ist am anderen Ende der Leitung. Dieser entschuldigt sich, beim letzten Aufeinandertreffen so schnell verschwunden zu sein, Leon kann sich aber nicht daran erinnern. Woran er sich aber doch erinnern kann ist die Tatsache, dass Sven das Modell abgeholt hat und das Natalie sich eine Auszeit genommen hat. Dies hat sie ihm mit einer Karte mitgeteilt. Während er mit Sven telefoniert entdeckt er das Wort „Laptop“ auf der einen und die Zahlenkombination „07.05.“ auf der anderen Hand. Da Sven von den gestrigen Ereignissen sehr geschockt ist, fragt er Leon direkt, ob dieser Drogen nimmt, denn anders kann er sich dessen Verhalten nicht erklären. Der verneint und entdeckt währenddessen die Kamera, an die er sich auch nicht erinnern kann. Er weiß nicht, was es damit auf sich hat, erinnert sich aber der Notizen auf seinen Händen und geht an den Laptop. Das sich nun öffnende Video ließ sich aber nicht starten, da es ein Passwort verlangt. Leon gibt die Zahlenkombination ein und die Wiedergabe startet.
Auf dem Video ist zu sehen, wie er unten im Keller es schafft, seine Handschellen zu lösen. Er geht auf Natalie zu, die immer noch am Bett gefesselt ist. Diese sagt ihm, dass es ihr leid tue. Leon, der sich das Video gerade ansieht, ist verwirrt, denn er weiß nicht, was ihr leid tun sollte. Sie gesteht ihm, dass er sie betrogen hat. Der Leon vor dem Laptop verzeiht ihr, doch sein Ich unten in der Folterkammer ist anderer Meinung und rammt Natalie einen Füllfederhalter genau in den Hals. Während Leon die Polizei rufen will, verändert sich das Bild unten rasch. Er sieht, wie die Kamera das Bild eines weiteren Ausgangs frei gibt und dahinter erscheint eine Treppe. Dann geht alles schnell: er hört ein Knarren und das Knirschen von Scherben – und sieht plötzlich sich selbst auf dem Bildschirm, wie er auf den Laptop starrt. Als er sich umdreht steht dort ein Mann, der ihm äußerlich ähnelt. Bevor Leon noch reagieren kann, hat dieser sich auch schon auf ihn gestürzt und um Leon wird es dunkel. Er wacht völlig nackt auf dem Boden liegend auf, doch der andere Mann ist gerade dabei, ihn an einem Seil nach oben zu ziehen. Leon steht gezwungenermaßen unter Mühen auf und holt sich einen Stuhl heran, auf den er klettert. Der Unbekannte zog das Seil soweit hoch, dass Leon auf Zehenspitzen stehen musste, um nicht erwürgt zu werden. Dieser schiebt nun eine CD in den Laptop und spielt dann Natalies akustischen Abschiedsbrief ab. Sie hatte das Video gedreht, kurz bevor sie ihre Sachen packte und verschwand. Und nun erkennt Leon auch, wen er vor sich hat: Es ist derselbe Mann, der sich schon mal als Postbote ausgegeben hat und der ihm die Kamera brachte. Was Leon nun hört, entsetzt ihn. Natalie beichtet ihre Beziehung zu Siegfried von Boyten, der anfangs ihre außergewöhnlichen sexuellen Wünsche befriedigt hat, doch der nun zu weit geht. Sie erzählt auch, dass ihr Vater an ihren Neigungen schuld ist.. Natalie erzählt auf dem Video auch, dass sie nicht Leons Kind abgetrieben hat, sondern Siegfrieds. Als die Aufnahme endet, kommt von Boyten wieder rein und öffnet ein Schnittprogramm, mit dem er die zuvor kopierte Tonspur bearbeitet.
Da Leon den Plan des Psychopathen durchschaut hatte, greift er zu einer radikalen Maßnahme: er scheuert sich den Hals auf. Siegfried bemerkt dies nicht und spielt die von ihm bearbeitete Tonspur auf den Anrufbeantworter und programmiert ihn so, dass es den Anschein hat, als hätte Natalie das Ganze schon vor einigen Tagen auf den Anrufbeantworter gesprochen. Nachdem er das gemacht hat, kommt der Sadist wieder ins Zimmer und erschrickt, da Leon sich immer weiter den Hals aufreißt. Somit kann er Leons Tod nicht nach einen Selbstmord aussehen lassen, da es nun offensichtlich ist, dass er sich gewehrt hat. Da Leon nichts mehr zu verlieren hat, springt er auf von Boytens Schulter und hält diesen im Schwitzkasten. Aufgrund von Siegfrieds panischen Reaktion gelingt es Leon, das Seil aus dem Halen zu bekommen und die beiden Männer kippen zu Boden. Durch den Aufprall wird Leon ohnmächtig.
Beim Aufwachen bemerkt er, dass beide noch auf dem Boden liegen. Siegfried von Boyten tritt ihm in den Unterleib, jedoch sind seine Tritte nicht sehr gezielt. Als Leon die Augen geöffnet bekommt, erkennt er, warum sein Angreifer nicht mehr zielgerichtet treten kann: Ein Splitter des Aquariums, welches er eben zerstört hat, hatte sich durch Siegfrieds Kehle gebohrt. Leon packte den Kopf des neben ihm Liegenden und schüttelte ihn unter Rufen von Natalies Namen. Dann stieß er den Kopf von sich, sodass der Splitter noch weiter durch die Kehle ging, wodurch von Boyten seinen Todeskampf verlor.
Auf der Suche nach Hilfe tapst Leon hinaus auf die Straße, doch die Menschen sahen ihn nur erschrocken an. Er war nackt, blutverschmiert und schrie nach Hilfe. Vor dem Supermarkt brach er dann zusammen, doch er schrie die Passanten an, dass Natalie noch unten im Keller sei und dass sie Hilfe brauche. Doch die Passanten rufen einen Rettungswagen für ihn und nicht für Natalie, da alle ihn als geisteskrank einstufen. Auch die ankommenden Sanitäter glauben ihm nicht und bringen ihn weg.
In der Psychiatrie schafft es Leon dann irgendwie an eine Batterie heranzukommen, welche er dann aufbeißt. Er verschluckt die giftige Flüssigkeit, um zu Erbrechen, denn so würde der Handschellenschlüssel zum Vorschein kommen und er hätte einen Beweis. Seinem Arzt erzählt er, wie man in das Labyrinth kommen kann, denn er möchte Natalie helfen. Im Laufe des Gesprächs kommt heraus, dass alle anderen Mieter mit all ihren wichtigen Dokumenten aus dem Haus verschwunden sind, als wären sie evakuiert worden.
Einige Zeit später in dem Schlaflabor von Dr. Volwarth. Außer ihm sind noch Professor Tareski, die Krankenschwester Ivana Helsing mitsamt Katze und das Ehepaar Falconi anwesend. So kommt heraus, dass sie das von Albert von Boyten – der auch Patient bei Dr. Volwarth war – gebaute Haus nutzten, um ein Menschenexperiment durchzuführen. Sie untersuchten dabei Leons Schlafstörung, die sehr selten ist und auch kaum erforscht, da Menschen mit dieser Schlafstörung im Labor seltenst in das dritte Stadium wechseln. Durch die von dem Architekten erschaffene Zwischenebene im Haus, konnten sie durch alle Wohnungen herein und auch wieder heraus gelangen und Versuchsmaterialien in Leons Wohnung unterbringen beziehungsweise von dort entfernen. Bei diesem Treffen bespricht die Forschungsgruppe nun ihre Ergebnisse. Da sie durch Leons Entkommen Gefahr liefen, aufzufliegen, bezieht die Gruppe nun ein neues Heim, um weitere Experimente durchführen zu können.
Sven holt Leon aus der Klinik ab, um diesem etwas zu zeigen. Er führt Leon, welcher eine Augenbinde trägt, zu dem Wohnhaus, in dem das Ganze passiert ist. Dort will Sven seinem besten Freund zeigen, dass vor dem Haus lauter Gedenksachen liegen, die an Natalie Nader erinnern sollen. Mit dieser Geste will Sven dass Leon endlich versteht, dass Natalie nicht gerettet werden konnte, wie es ihm die Ärzte in der Klinik immer erzählen, sondern dass sie leider ums Leben gekommen ist. Leon will das aber nicht wahrhaben, doch dann verändert sich Svens Aussehen und eine Stimme ruft ihm zu, dass Leon endlich aufwachen soll! Als er dann auch aufwacht sieht er Natalie vor ihm, die ihn geweckt hat, da er schrie.

Meine Meinung

Als Leon sich auf Seite 303 fragt: „Bist du noch bei Verstand? Oder ist das alles nur eine Illusion?„, da habe ich mir auch die Frage gestellt. Man kommt so durcheinander und weiß nicht, was Leon in welchem Bewusstseinszustand erlebt.  Die perfekte Kopie von Leons und Natalies Schlafzimmer fand ich mehr als merkwürdig, da ich mich gefragt habe, warum Leon sich in welchem Zustand auch immer sein Schlafzimmer unten nachbauen wollte.
Die ganze Zeit über hatte er sich gefragt, ob er im Schlaf ein Doppelleben führte. Jetzt wusste er nicht, wer er im realen Leben war.– Seite 323, „Der Nachtwandler“, Sebastian Fitzek
Mir war beim Lesen nicht mehr klar, ob Leon nun der Täter oder das Opfer ist und ob Natalie durch seine Gegenwart in Gefahr oder in Sicherheit war.  Die Notizen, die Leon sich auf die Hände schreibt, zeugen ja davon, dass er nicht nur die Bewusstseinszustände wechselt, sondern auch, dass er zumindest in einem davon weiß, dass er es tun kann und das er sich daher kleine Tipps hinterlassen muss.Dann kommt raus, dass Natalie ihn betrogen hat und ihn um Verzeihung bittet, doch sie wird daraufhin ermordet. Es hat ja zunächst den Anschein, dass er sie tötet, doch wieder war ich verwirrt, denn kann Leon in seinen schlafwandlerischen Phasen wirklich jemanden umbringen? Als dann der Unbekannte auf den Plan tritt, war meine Vermutung sofort, dass er der Sohn des Architekten ist, welche sich dann auch bestätigte. Doch zunächst war mir unklar, was er mit Natalie und Leon zu tun hat, und warum er sich als Postbote verkleidet, um Leon ein Paket zu überbringen.

Die erste Frage wird dann noch geklärt, während der Psychopath in Leons Wohnung ist; die andere Frage mit dem Paket wird dann aufgelöst, als man erfährt, dass das ganze ein unglaubliches Menschenexperiment war. Die Tatsache, dass Dr. Volwarth alle drei (Natalie und Leon Nader sowie Siegfried von Boyten) in Behandlung hatte, fand ich schon während des Lesens verdächtig. Da manifestierte sich der Gedanke in meinem Kopf, dass der Psychiater vielleicht doch nicht so unschuldig ist, wie man anfangs dachte und das ihm in dem Geschehen eine größere Rolle zuteil wurde als vorher klar war. Auch mit dieser Vermutung sollte ich später recht behalten.

Dann erzählt Dr. Meller, der behandelnde Arzt im Krankenhaus, Leon, dass die anderen Bewohner verschwunden sind und das es nach einer Evakuierung aussieht. Hier wird man auch sehr stutzig und man fragt sich, ob Siegfried von Boyten dies angeleiert hat und wenn ja, wie hat er das geschafft, all diese Menschen zum Gehen zu bewegen? Auch die Tatsache, dass Leons Nachbarn sagen, dass Siegfried verschwunden ist, obwohl er es ja augenscheinlich nicht ist, verwunderte mich, doch zu dem Zeitpunkt konnte ich mir noch keinen Reim daraus machen, wie die Nachbarn in das Ganze mit verwickelt sein könnten.

Doch dann kommt heraus, dass sie eine Forschergruppe bilden, die Leons Nachtverhalten untersuchen wollten. Während ich das Kapitel las, war mein vorrangiges Gefühl Ekel, denn der Gedanke, der dahinter steht ist absolut abscheulich und menschen verachtend. Als dann der Umzug des Teams erwähnt wird und die neue Wohnung zum Vorschein kommt, war ich geschockt, dass diese ekligen Menschen so ein Experiment nochmals durchführen. Ich muss sagen, als ich das Ende dann las, war ich immer noch verwirrt, denn ich weiß nicht, ob Sven nun recht hat oder Leon – ist Natalie nun tot oder nicht? Darüber werde ich mir noch Gedanken machen müssen und dann wird ein Fazit von mir gezogen werden.

Welcher Meinung seid ihr, ist Natalie gestorben, wie Sven behauptet, oder ist sie noch am Leben und wohnt mit Leon zusammen in einem Bungalow? Darüber würde ich gerne mit euch diskutieren. Dann dürft ihr euch noch auf einen Fazitbeitrag freuen, der im Laufe der nächsten Woche online gehen wird.

One Reply to “LESERUNDE | „Der Nachtwandler“ von Sebastian Fitzek | Teil 4”

  1. Ich stelle mir allerdings immer noch die Frage: Wer ist das junge Paar in Kapitel 43? Sind es Leon und Natalie? Die Forschergruppe steht ja in einem niedrigen Raum und auch Lein deutet an, dass er jetzt mit Natalie nur in einem flachen Bungalow lebt, ohne Keller etc.
    Oder handelt es sich nur um ein X-beliebiges Pärchen, das jetzt “untersucht” wird? Die Frage lässt mich einfach nicht los 😅
    LG, Nico

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