REZENSION | Emily St. John Mandel | „Das Licht der letzten Tage“

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Rezension

buchhandel.de fraencisdaencis.deDieses Buch war schon eine längere Zeit sehr oft in den sozialen Netzwerken zu sehen. Zuerst bei den englischsprachigen Bloggern und YouTubern, welche von „Station Eleven“ schwärmten und später dann auch die deutschsprachigen Begeisterungsstürme. Diese ebbten jedoch nach einer Weile ab und machten Platz für mehr kritische Stimmen, sodass die Meinung insgesamt eher durchwachsen war zu Emily St. John Mandels Roman „Das Licht der letzten Tage“. Gerade diese Mischung aus positiven und eher negativen Stimmen zu dem Buch hat mich neugierig gemacht und ich danke an dieser Stelle nochmals dem Piper Verlag, dass sie mir es als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben! Ebenfalls ein Danke an Sarah, welche mit mir zusammen das Buch gelesen und darüber diskutiert hat! »Ihre Rezension findest du hier.

Mir fehlen immer noch ein wenig die Worte, um diesem Buch gerecht zu werden. Beendet habe ich es Mitte Dezember und nun haben wir Mitte Januar. Für diese Rezension habe ich Sarahs Tipp befolgt und habe mir Stichpunkte gemacht zu allem, das ich ansprechen möchte. Anders wäre diese Rezension wohl gar nicht erst geschrieben worden.

Hoffnungsvoll düster, schrecklich zart und tragisch schön. Niemand konnte ahnen, wie zerbrechlich unsere Welt ist. Ein Wimpernschlag, und sie ging unter. Doch selbst jetzt, während das Licht der letzten Tage langsam schwindet, geben die Überlebenden nicht auf. Sie haben nicht vergessen, wie wunderschön die Welt war. Sie vermissen all das, was einst so wundervoll und selbstverständlich war, und sie weigern sich zu akzeptieren, dass alles für immer verloren sein soll. Auf ihrem Weg werden sie von Hoffnung geleitet – und Zuversicht. Denn selbst das schwächste Licht erhellt die Dunkelheit. Immer. – Piper

Der Anfang des Buches ist auch direkt der Beginn des Untergangs der Welt, wie wir sie kennen. Die Georgische Grippe hat nun auch Toronto erreicht und breitet sich innerhalb kürzester Zeit dramatisch aus – und nur die wenigsten überleben. Der erste Teil, der einen einleitenden Charakter hatte, endet mit den Worten:

…und bildet damit einen dramatischen Auftakt für die Handlung.

„Ich…“ Jeevan wusste nicht recht, wie er das alles erklären sollte, also trat er zurück und deutete mit einer matten Geste wortlos auf die Einkaufswagen. Frank manövrierte seinen Rollstuhl durch die Tür und blickte in den Flur. „Du warst einkaufen, hm?“, sagte Frank.

Seite 37

In dem Buch kommen einige Charaktere vor, deren Geschichten allesamt miteinander verwoben sind. Wie genau, erfährt der Leser dabei natürlich erst nach und nach im Laufe des Buches. Eine besonders wichtige Rolle spielt dabei Arthur, der einen Einfluss hat auf Jeevan, Clark und auch Kirsten. Diese vier bilden den Hauptkreis an Figuren, interagieren aber auch noch mit einer Vielzahl an anderen Personen. Trotz der schrecklichen Situation, in der sie sich befinden, schaffen die Figuren in Mandels Roman es, Hoffnung und Lebendigkeit auszustrahlen. Ein wichtiger Teil der Handlung geht auf die Fahrende Symphonie zurück, zu der auch Kirsten gehört. Diese ist eine Zusammensetzung aus einem Orchester und einer Shakespeare-Theatergruppe, welche zusammengefunden haben und seit langer Zeit schon durch ein bestimmtes Gebiet reist, um mit Musik- und Theateraufführungen den Menschen in den Dörfern, die sich gebildet haben, etwas Unterhaltung zu bringen.

Die Grippe war damals wie eine Neutronenbombe auf der Erde explodiert, und es folgte eine Schockwelle – die ersten unsäglichen Jahre, als alle sich auf Wanderschaft begaben, bis den Leuten klar wurde, dass es keinen Ort auf der Welt gab, an dem das Leben so weiterging wie zuvor, und sie sich irgendwo ansiedelten und sich zur Sicherheit zu Gruppen zusammenschlossen, in Raststätten und ehemaligen Restaurants und alten Motels.

Seite 49

Die Handlung wechselt kapitelweise zwischen der Gegenwart und verschiedenen Zeitpunkten in der Vergangenheit. Die Gegenwart ist dabei schon mehr als zwanzig Jahre nach dem Ausbruch der Georgischen Grippe, doch auch dann herrschen noch schreckliche Zustände und der Hass und das Misstrauen unter den wenigen Überlebenden ist groß. Der Wechsel zwischen den Zeiten half mir dabei, ein besseres Verständnis zu entwickeln, wie die einzelnen Personen und Handlungsstränge miteinander in Verbindung stehen und welche Vergangenheit hinter den Charakteren steckt. Gerade die Szenen in der Vergangenheit – unserer Gegenwart – sorgten manches Mal für eine Auflockerung, da hier Situationen beschrieben wurden, die einem bekannt sind. Doch auch in der Gegenwart der Figuren wurden Parallelen zu unserer heutigen Welt erkennbar, was zum Teil doch eher erschreckend war.

Die Hölle ist die Abwesenheit von Menschen, nach denen man sich sehnt.

Seite 177

Als roter Faden ziehen sich zwei Aspekte durch das Buch. Zum einen ist da – wie oben schon erwähnt – Arthur, welcher direkt im ersten Kapitel stirbt, aber dennoch die verschiedenen Protagonisten zusammenführt und daher eine wichtige Rolle auch über seinen Tod hinaus spielt. Der zweite Aspekt hängt indirekt auch mit Arthur zusammen, denn seine erste Frau Miranda hat einen Comic gezeichnet, welcher immer wieder in der Geschichte an verschiedenen Punkten auftaucht. Er handelt von einem Mann, Dr. Eleven, der auf einer Raumstation lebt (Station Eleven), da die Erde untergegangen ist. Die Idee, diesen Comic mit einzubinden, hat mich begeistert und ich würde diesen Comic auch liebend gerne lesen, da ich mir beim Lesen die einzelnen Zeichnungen sehr gut bildlich vorstellen konnte. Zwischendurch fungierte die Beschreibung des Comics auch dazu, dass die Handlung aufgelockert wurde, da man bei den Beschreibungen leicht ins Träumen geraten konnte.

Das Seepferdchen ist ein gigantisches, rostrotes Vieh mit ausdruckslosen, untertassengroßen Augen, und auf seinem Kopf glüht seitlich das bläuliche Licht eines Funksenders. Lautlos bewegt es sich durchs Wasser, schön und albtraumhaft, und auf seinem geschwungenen Rücken sitzt ein menschlicher Reiter aus Untersee. Seite 105

Emily St. John Mandel schreibt – zumindest in der deutschen Übersetzung durch Wiebke Kuhn – so lebendig und beschreibend, dass ich das Gefühl hatte, vor meinem inneren Auge liefe ein Film ab. Die Autorin entwickelte spannende Ideen für eine Welt nach dem Zusammenbruch der Zivilisation, wie zum Beispiel, dass die Fahrende Symphonie aus Pick Ups, die man nicht mehr gebrauchen kann, Kutschen gebaut hat.  Generell fand ich es faszinierend, wie die Autorin eine mögliche Entwicklung nach einer solchen Katastrophe sieht. Sie spricht in ihrem Roman viele wichtige Dinge an, die mich als Leserin immer wieder dazu brachten, über mich und mein Leben nachzudenken.

„Sie glauben also nicht, dass er seinen Job mag.“ „Richtig“, sagte sie. „Aber ich glaube nicht, dass ihm das überhaupt bewusst ist. Wahrscheinlich begegnen Sie auf Schritt und Tritt Leuten wie ihm. Im Grunde sind das alles Hochleistungsschlafwandler.“ […] „Oder vielleicht sollte ich eher sagen: Das ist das, was als Leben durchgeht. Das ist das, was für die meisten Menschen als Glück durchgeht. Typen wie Dan sind wie Schlafwandler“, meinte sie. „Und nichts könnte sie jemals aufwecken.“Seite 201f

Der Roman „Das Licht der letzten Tage“ ist etwas ganz Besonderes und ich kann ihn aus vollster Überzeugung jedem nur ans Herz legen. Die Autorin schafft es, vielschichtige Geschichtsfäden am Ende zusammenzuführen ohne auch nur eine Frage offen zu lassen. Während ich das Buch las, war ich komplett in seinem Bann und ich fühlte mich, als wäre ich ein Teil der Fahrenden Symphonie.

In den alten Tagen war er ein paarmal in den ganz frühen Morgenstunden in den Flieger gestiegen, um von New York nach Los Angeles zu kommen, und da gab es immer einen Moment, in dem sich das Licht der aufgehenden Sonne von Osten nach Westen über die Landschaft ausbreitete, die Morgendämmerung sich in Flüssen und Seen spiegelte, die zehntausend Meter unter dem Fenster lagen, und obwohl er natürlich wusste, dass es im Grunde nur eine Sache der Zeitzonen war, dass es irgendwo auf Erden immer gerade Nacht oder Morgen war, empfand er in diesen Momenten insgeheim ein tiefes Vergnügen bei dem Gedanken, dass die Welt gerade erwachte.Seite 320

Fakten

Titel: Das Licht der letzten Tage
Autorin: Emily St. John Mandel
Übersetzerin: Wiebke Kuhn
Verlag: Piper
Reihe: nein
Seitenzahl: 407
Erscheinungsjahr: 2015
ISBN: 9783492060226

 

3 Kommentare

  1. Wieder eine tolle Rezension zu dem Buch. Ich weiß nicht, ob ich es jemals lesen werde. Es gibt ja ausnahmslos tolle Stimmen dazu und es zieht mich nach wie vor an. Jedes Mal wenn ich höre, es sei „halt sehr ruhig/leise“ denke ich aber, das ist eher nicht so meins. Ich möchte nicht 400 Seiten lesen und das Gefühl haben, dass lange gar nichts passiert.

    • fraencisdaencis sagt

      Hallo,
      es ist zwar eher ruhig, aber keine Sorge, es passiert schon noch genug für 400 Seiten – zumindest war das mein Empfinden. Ich habe niemals gedacht, dass es jetzt sehr langweilig wird, eher im Gegenteil. Es war oft so, dass ich unbedingt weiterlesen wollte, um zu wissen, wie es weitergeht.
      Liebe Grüße,
      Fraencis

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