REZENSION | Jana Seelig | „Minusgefühle“

buchhandel.de fraencisdaencis.deJana Seelig ist in Deutschland mit ihrer Tweetreihe über Depressionen bekannt geworden. Obwohl sie diese Aufmerksamkeit nicht gewollt hat und von ihr überrascht wurde, so wurde dadurch doch ein Stein ins Rollen gebracht. Zumindest eine Zeit lang sprach man in Deutschland über das „Tabu-Thema“ psychische Erkrankungen, insbesondere über Depressionen. Unter dem Hashtag #notjustsad sind so einige Tweets von verschiedenen Leuten zusammengekommen. Ich folgte ihr schon vor diesem Ereignis im November letzten Jahres auf Twitter und Instagram, und war ebenso überrascht, welche Resonanz sie auf ihre Tweets bekam. Sobald veröffentlicht wurde, dass sie ein Buch schreiben würde, wusste ich: Das möchte ich lesen.

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Jana Seelig ist jung und schön, sie hat einen großen Freundeskreis, sie liebt ihren Beruf – und sie hat Depressionen. Es gibt Tage, an denen geht gar nichts. Dann muss sie sich oft gut gemeinte Ratschläge anhören, die zeigen, wie wenig ihr Umfeld eigentlich versteht, wie es ist, wenn man nichts mehr fühlt. Als sie auf Twitter ganz offen über ihre Depressionserkrankung sprach, ist sie damit zu einer starken Stimme vieler Betroffener geworden. In »Minusgefühle« beschreibt sie ihre Niederlagen, ihre Chancen, ihre Traurigkeit und ihren ständigen Kampf gegen die Krankheit. Sie erzählt, was man fühlt, wenn man nichts fühlt. Davon, wie es ist, wenn man alles Mögliche versucht, um überhaupt etwas fühlen zu können: Alkohol, Sex, Drogen — der Versuch, so viel es geht zu leben, kostet sie genau so viel Kraft wie die vielen Erklärungen für Nichtbetroffene. Sprachmächtig und kompromisslos schreibt sie über die Depression, die ein Teil ihres Lebens ist — aber ihr Leben nicht mehr bestimmt.

„Nur, weil ich alles habe, was ich brauche, muss es mir nicht gut gehen.“ – Piper[/red_box]

Wie du vielleicht weißt, studiere ich Psychologie. Ich habe daher ein Interesse an psychischen Erkrankungen und nehme gerne die Gelegenheiten wahr, diese aus der Sicht der Betroffenen lesen zu können. Natürlich kann ich dadurch immer noch nicht komplett nachvollziehen, wie es ihnen geht, aber ich bekomme schon einen anderen Blick auf die Erkrankungen. Und ja, es sind Erkrankungen, diese Menschen sind – so wie Jana – not just sad.

„Bisher hatte ich immer das Gefühl, mit meiner Erkrankung allein zu sein – auch wenn ich natürlich weiß, dass es da draußen unglaublich viele Menschen gibt, die mit denselben Problemen zu kämpfen haben wie ich.“

Seite 15

In Deutschland ist es immer noch so, dass psychische Erkrankungen zu den Tabu-Themen gehören. Die meisten Menschen wissen nicht, wie sie mit Betroffenen umgehen sollen und was genau die Krankheit denn nun mit ihnen macht. Daher finde ich es mutig und toll, dass Jana Seelig sich hingesetzt und aufgeschrieben hat, wie ihr „Leben zwischen Hell und Dunkel“ aussieht. Sie beginnt mit dem Grund für das Buch: den Tweets. Sie hat diese geschrieben, um hauptsächlich einen Menschen anzusprechen: ihren damaligen Freund, der kein Verständnis für sie und die Depressionen hatte. Dass sie so viele Menschen damit an- und aus der Seele spricht, hatte sie nicht erwartet. Nachdem sie die Geschehnisse des letzten Novembers erzählt hat, greift sie weitere Szenen aus ihrem Leben auf. Mal sind es welche aus ihrer Jugend, mal aus der Gegenwart, doch alle helfen dabei, das Gesamtbild zu sehen. Sie zeigen, wie schwer es für Jana war, überhaupt diagnostiziert zu werden, und wie es nach der Diagnose weiter ging. Dass die Ärzte sie nicht aufgeklärt haben über ihre Krankheit und sie einfach so wieder entlassen wurde, das machte mich wütend. So geht man nicht mit einer Patientin um, das war wirklich unvorstellbar für mich.

„Mit dem Begriff ‚Depression‘ kann ich nichts anfangen. Ich bin ja nicht traurig – oder etwa doch? Mein Leben ist traurig, weil ich es aufgrund der ganzen Symptomatik nicht mehr richtig leben kann, doch ich, ich bin es nicht. Ich würde eher sagen, dass ich nichts fühle – von den ständigen Schmerzen mal abgesehen.“

Seite 36

„Minusgefühle“ hat in mir beim Lesen eine Menge Emotionen freigesetzt. Ich war wütend, habe gelacht und auch geweint. Das Buch hatte ich an einem Nachmittag beendet, denn ich konnte es einfach nicht aus der Hand legen. Für mich ist es ein außergewöhnliches Buch, das ich allen nur ans Herz legen kann. Nicht nur wegen des unheimlich wichtigen Inhalts, sondern auch wegen Jana Seeligs Schreibstil, den ich sehr gemocht habe. Ihre Wortwahl gefiel mir zwar nicht immer (abgefuckt war ein häufig benutztes Wort), aber ich glaube, für manche Dinge gab es eben keine passendere Beschreibung.

„[…] ich verlasse die Praxis mit einem Hochgefühl. Ich weiß zwar, dass es zurzeit nicht länger als zwei bis drei Tage anhält, aber hey, zwei bis drei Tage sind besser als nichts, und irgendwann, daran glaube ich fest, werd ich es schaffen, mit der Hilfe meiner Therapeutin aus den drei Tagen eine ganze Woche zu machen – und in ferner Zukunft vielleicht sogar ein ganzes Leben.“

Seite 53

Lies dieses Buch, denk über das Gelesene nach und empfehle es weiter – damit wir eher früher als später in einer Welt leben können, in der psychische Erkrankungen keine Tabu-Themen mehr sind.

Fakten

Titel: Minusgefühle
Autorin: Jana Seelig
Verlag: Piper
Reihe: nein
Seitenzahl: 221
Erscheinungsjahr: 2015
ISBN: 9783492060219

2 Replies to “REZENSION | Jana Seelig | „Minusgefühle“”

  1. <3

    (Das mit dem „abgefuckt“ sagen alle, das ist mir gar nicht aufgefallen. Ich habe das Gefühl, das Wort „Hitler“ überdurchschnittlich oft zu benutzen, wenn ich etwas als sehr schlecht beschreibe.)

    1. fraencisdaencis sagt: Antworten

      Witzig, dass mit „Hitler“ ist mir nicht so aufgefallen ;)

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