REZENSION | Kathrine Kressmann Taylor | „Adressat unbekannt“

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Rezension

buchhandel.de fraencisdaencis.deVon dem Buch „Adressat unbekannt“ hatte ich schon einiges Gutes erfahren und es stand daher seit geraumer Zeit auf meiner Wunschliste. Als ich dann – ich glaube es war auf Instagram – sah, dass der Atlantik Verlag diese wunderschöne Ausgabe verlegt, da habe ich gefragt, ob ich es denn als Rezensionsexemplar haben könnte.

Der Deutsche Martin Schulse und der amerikanische Jude Max Eisenstein betreiben in den USA eine gut gehende Kunstgalerie. 1932 entscheidet sich Schulse, mit seiner Familie nach Deutschland zurückzukehren. Eisenstein betreibt die gemeinsame Galerie in San Francisco weiter. Die beiden Männer bleiben in Kontakt und tauschen sich in ihren Briefen über Berufliches und Privates aus. Zunächst scheint die Freundschaft nicht unter der räumlichen Trennung zu leiden. Doch Schulse, der die politischen Entwicklungen in Deutschland anfangs noch kritisch betrachtete, entwickelt sich nach und nach zum bekennenden Nationalsozialisten. – Atlantik Verlag

Das Buch ist ein Briefwechsel zwischen zwei Männern, Martin Schulse und Max Eisenstein, und ich mag diese Art des Romans sehr gerne. Der erste Brief ist von November 1932, also kurz vor der Machtergreifung Hitlers. Martin Schulse ist zu dem Zeitpunkt wieder nach Deutschland zurückgekehrt, sein Freund Max Eisenstein ist jedoch in Amerika geblieben. Der historische Hintergrund macht dieses Buch ein wenig beklemmend, aber es ist auch sehr interessant zu sehen, wie die Autorin das Ganze aufgegriffen und verarbeitet hat.

„Um die Wahrheit zu sagen, Max, ich glaube, daß Hitler in einiger Hinsicht gut für Deutschland ist, aber sicher bin ich mir nicht. […] Der Mann ist wie ein elektrischer Schock, so stark, wie nur ein begnadeter Redner oder ein Fanatiker sein kann.“ – Seite 25f

Schon nach den ersten beiden Briefen, die zwischen den beiden Männern gewechselt wurden, habe ich ein Gespür für ihre Freundschaft bekommen und auch für ihre Charakterzüge. Dafür ist die Form der Briefromans natürlich sehr gut geeignet, da sie etwas sehr Persönliches an sich hat. Dieser Kontrast – Max als Jude in Amerika, Martin in Deutschland – zwischen den Protagonisten ist die Grundlage für das Buch und es war erschütternd zu sehen, wie sich die Beziehung zwischen Max und Martin entwickelt hat.

„Ach Martin, ich schäme mich oft für die Freude, die ich empfinde, wenn ich solch bedeutungslose, kleine Triumphe erlebe.
Du in Deutschland, mit Deinem Landsitz und Deinem Wohlstand, den Du Elsas Verwandten vorführst, und ich in Amerika, beglückt frohlockend, weil ich eine leichtgläubige alte Dame zum Kauf einer Monstrosität überredet habe Was für schöne Höhepunkte für zwei vierzigjährige Männer!“ – Seite 22

Der letzte Brief ist von Anfang 34, knappe anderthalb Jahre dauert der Briefwechsel nur an, doch er zeigt vieles, was in der damaligen Zeit passiert ist. Diese kurze Geschichte ist so eindringlich, so erschütternd, dass ich sie jedem ans Herz lege. Auch in der heutigen Zeit ist diese Geschichte noch so aktuell wie vor 80 Jahren.

Fakten

Titel: Adressat unbekannt
Autorin: Kathrine Kressmann Taylor
Übersetzerin: Dorothee Böhm
Verlag: Atlantik Verlag
Reihe: nein
Seitenzahl: 96
Erscheinungsjahr: 2015
ISBN: 9783455650822

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